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Bundestagskandidaten und Schüler diskutieren

13. September 2017

Bundestagskandidaten stellen sich den Fragen von Schülern am Berufskolleg. Diese äußern klar ihre Meinung.

Bundestagskandidaten und Schüler diskutieren
Diskutierten mit den Schülern und stellten sich zahlreichen Fragen der Moderatoren um Patrick Nowicki (3. v. r.): die Bundestagskandidaten Andreas Handt (AfD), Helmut Brandt (CDU), Frank Schniske (FDP), Alexander Tietz-Latza (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Claudia Moll (SPD, v. l.). Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. In einem Punkt herrschte am Mittwochvormittag grundsätzliche Einigkeit im Berufskolleg Eschweiler: Einhellig beschworen die fünf Bundestagskandidaten Helmut Brandt (CDU), Claudia Moll (SPD), Alexander Tietz-Latza (Bündnis 90/Die Grünen), Frank Schniske (FDP) und Andreas Handt (AfD) ihre jungen Zuhörer, am übernächsten Sonntag, 24. September, das „Königsrecht der Demokratie“ wahrzunehmen und ihre Stimmen bei der Bundestagswahl abzugeben.

Zuvor hatte das Quintett (Gabi Halili musste als Bundestagskandidatin der Partei Die Linke ihre Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen) während der von Berufsfachschülern und Lehrern des Berufskollegs in Zusammenarbeit mit dieser Zeitung veranstalteten Podiumsdiskussion den Fragen der Moderatoren Wladislaw Groos, Eren Osoy, Vera Fiedler und Angelina Radzie (alle Berufsfachschüler) sowie von Redakteur Patrick Nowicki rund eineinhalb Stunden lang Rede und Antwort gestanden, hatte selbst Fragen an die Schüler formuliert und die eine oder andere faire Kontroverse ausgetragen. Dabei traten vereinzelt auch Übereinstimmungen zwischen Vertretern von Parteien zu Tage, die nicht zwingend als natürliche Koalitionspartner anzusehen sind.

Liberalerer Arbeitsmarkt

So sieht der aus Düren stammende Andreas Handt, der am 24. September für die AfD im Wahlkreis Unna antritt und am Mittwoch den aus beruflichen Gründen verhinderten hiesigen Wahlkreiskandidaten Markus Matzerath vertrat, in „sachgrundlos befristeten Arbeitsverhältnissen“ eine für junge Menschen immer gefährlicher werdende Entwicklung einer immer stärker voranschreitenden sogenannten Liberalisierung des Arbeitsmarktes.

„Junge Menschen brauchen Sicherheit, um Familien gründen zu können“, so seine Argumentation, der Claudia Moll durchaus etwas abgewinnen konnte. „Ich bin überrascht und freue mich, dass die AfD augenscheinlich unser Wahlprogramm liest“, erklärte die Sozialdemokratin, die anschließend die Arbeitgeber in die Pflicht nahm. „Eine sechsmonatige Probezeit sollte jedem Arbeitgeber ausreichen, um eine klare Entscheidung gegenüber dem Bewerber treffen zu können.“

Und sind die Politiker der Auffassung, dass ehemalige Schüler, die keinen Ausbildungsplatz finden, selbst die Schuld an ihrer Situation tragen? „Natürlich gibt es Schüler, die auf Grund ihrer fehlenden Lernbereitschaft oder Fehlstunden ihren Teil beitragen“, führte Frank Schniske das Stichwort „Eigenverantwortung“ an. Diese sei jedoch keine Einbahnstraße. „Auch die Vertreter der Wirtschaft tragen Verantwortung und sind verpflichtet, Chancen zu geben. Eine bestimmte Schulnote sollte definitiv nicht das einzige Kriterium bei der Bewertung der Fähigkeiten eines Menschen sein“, argumentierte der Freie Demokrat.

Alexander Tietz-Latza von den Grünen votiert darüber hinaus für eine Ausbildungsplatzgarantie durch die Arbeitgeber. Eine Forderung die Helmut Brandt als quasi erfüllt ansieht. „Statistisch hat jeder Bewerber eine sehr gute Chance, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Dabei stellt sich die Frage, ob sich manche Bewerber nicht umorientieren sollten“, so der Christdemokrat. Tatsache sei, dass es, im Gegensatz zu vergangenen Zeiten, mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gebe und dies in der Zukunft ein Problem darstellen werde.

Bundestagskandidaten und Schüler diskutieren
Eindeutiges Votum: Der Frage, ob die Politik sich in ausreichendem Maße den Belangen von Jugendlichen widme, erteilten die Berufsfachschüler eine klare Absage. Foto: Andreas Röchter

„Klar muss sein: Ohne Ausbildung ist alles nichts“, ließ der Alsdorfer verlauten. Claudia Moll brachte die immer höheren Ansprüche, die von Industrie und Wirtschaft gestellt würden, ins Spiel. „Ein Problem ist der Druck, der heutzutage auf den Schülern lastet. Früher war es kein Problem, mit einem Hauptschulabschluss einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Inzwischen ist selbst das Abitur keine Garantie mehr“, kritisierte die examinierte Altenpflegerin.

Schlag auf Schlag ging es mit der „Ja oder Nein“-Runde weiter: Alexander Tietz-Latza und Claudia Moll wollen den Spitzensteuersatz erhöhen, glauben, dass die soziale Spaltung den Fortbestand der Demokratie gefährde und stimmen beide nicht nur wie Helmut Brandt gegen eine Abschaffung des Mindestlohns, sondern wollen diesen weiter erhöhen. Frank Schniske und Andreas Handt sehen dagegen den Mindestlohn nicht als zielführend an, während alle fünf Diskutanten bekannten, mit dem aktuellen Hartz-IV-Satz wohl nicht über die Runden kommen zu können.

Auch die Schüler im vollbesetzten Saal erhielten die Gelegenheit, ihre Meinung kundzutun. Eine große Mehrheit beantwortete die Frage, ob sich die Politik in ausreichendem Maße um die Belange von Jugendlichen kümmere, mit der Roten Karte, also einem klaren Nein. Eine Unmutsäußerung, die Gegenfragen der Politiker herausforderten: Auf welche Weise könne die Politik mehr für Jugendliche tun? „Unter anderem, in dem das Alter des Erstwahlrechts auf 16 gesenkt wird“, so die Antwort aus dem Auditorium.

Ein Anliegen, dem Alexander Tietz-Latza und Claudia Moll entsprechen wollen, Helmut Brandt und Andreas Handt widersprachen und dem Frank Schniske mit einem klaren „Jein“ begegnete. Eine Antwort, die dem Liberalen, der als Lehrer des Berufskollegs Herzogenrath ein „Fast-Heimspiel“ hatte, die Gelbe Karte einbrachte.

„Angst, korrumpiert zu werden“

Als die vordringlichsten Aufgaben der neuen Bundesregierung sehen die Berufsfachschüler das Vorantreiben der Digitalisierung sowie die Lösung der Flüchtlingssituation an. Doch warum engagieren sich so wenige der Schüler politisch? „Aus Angst, korrumpiert zu werden oder falschen Versprechungen hinterherzulaufen. Und, weil kein Vertrauen vorhanden ist“, so einige der nachdenklich stimmenden Rückmeldungen.

Weiterhin brennt den Schülern die Einschränkung von deutschen Waffenexporten auf den Nägeln: „Geld, das mit Blut gemacht wird, sollte nicht in die deutsche Wirtschaft fließen!“ Die Forderung aus dem Publikum, die Erbschaftssteuer wesentlich zu erhöhen, stieß jedoch bei nicht wenigen Mitschülern auf Widerspruch.

Bevor Lehrer Alexander Victor, der gemeinsam mit seinem Kollegen Benjamin Pinkerneil für die Organisation der Veranstaltung verantwortlich zeichnete, die Schüler zur Wahl aufrief, kam die Flüchtlingssituation kontrovers zur Sprache. Helmut Brandt forderte eine gemeinsame europäische Politik, bei der vor allem die Bekämpfung der Fluchtursachen in den Heimatländern der Flüchtlinge im Vordergrund stehen müsse. Die Zahl der in Deutschland zu erwartenden Flüchtlinge des laufenden Jahres bezifferte er mit 200.000 Menschen.

Eine Zahl, der Andreas Handt keinen Glauben schenkt. Auf einer Veranstaltung mit dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU), die der AfD‘ler besucht habe, sei von diesem die Zahl der Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Deutschland kämen, auf 365.000 geschätzt worden. Also seien selbst bei der Union vollkommen unterschiedliche Zahlen im Umlauf. „Entgegen der landläufigen Meinung, die AfD wolle die Grenzen dichtmachen, fordern wir, dass wir in Deutschland wissen müssen, wer in unser Land kommt und ihn registrieren“, so Andreas Handt. Deutschland sei ein Rechtsstaat und bei aller Empathie für Mitmenschen müssten die rechtlichen Grundlagen im Vordergrund stehen.

Ein Beitrag, dem Alexander Tietz-Latza mit Misstrauen begegnete: „Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht. Die AfD verfolgt das Ziel, selbst gut in Deutschland integrierte Menschen abzuschieben“, erwiderte der Grüne. Frank Schniske forderte im Namen der FDP ein Einwanderungsgesetz, in dem Kriegsflüchtlinge einen Sonderstatus erhalten sollen. „Wer sich hier etwas aufgebaut hat, unsere Rechtsordnung akzeptiert und die Sprache erlernt, soll die Chance erhalten, hierzubleiben.“

Ansonsten müsse der Grundsatz lauten, dass es nach Kriegsende wieder zurück in das Heimatland gehe. Claudia Moll beklagte, viele Menschen seien hierzulande in der Flüchtlingsfrage abgestumpft. Sie forderte, über die Gründe nachzudenken, warum die Menschen nach Deutschland kämen. Und holte bei den Schülern des Berufskollegs die meisten Stimmen.


Das Ergebnis der Wahl am Berufskolleg

Abgegebene Stimmen: 159, davon 8 Stimmen ungültig.

SPD (Claudia Moll): 59 Stimmen (37 Prozent); FDP (Frank Schniske): 27 Stimmen (17 Prozent); CDU (Helmut Brandt): 16 Stimmen (10 Prozent); AFD (Andreas Handt): 14 Stimmen (9 Prozent); Bündnis 90/Die Grünen (Alexander Tietz-Latza): 11 Stimmen (7 Prozent); Die Linke: 2 Stimmen (1 Prozent); Andere: 7 Stimmen (4 Prozent); Nichtwähler: 15.

Eschweiler Zeitung, 14.09.2017
von Andreas Röchter

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