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Das Problem mit der Hebammenausbildung

24. August 2018

Es gibt zu wenige Hebammen, und die Zukunft ihrer Ausbildung ist ungewiss. Frist zur Umstellung läuft bald ab.

Hebammenschule des Aachener Luisenhospitals
NRW-Landtagsabgeordnete der Freien Demokraten informieren sich in der Hebammenschule des Aachener Luisenhospitals. Jochen Vennekate, Geschäftsführer der Christlichen Bildungsakademie für Gesundheitsberufe Aachen GmbH (CBG), Dr. Werner Pfeil MdL, Angela Freimuth MdL, Susanne Peters, Leiterin der Hebammenschule und Susanne Schneider MdL (v.l.n.r).

Aachen. Die Zahl der Geburten steigt wieder, auch in der Region. Diese an sich erfreuliche Tatsache deckt jedoch ein Problem auf: Es gibt landauf, landab zu wenige Hebammen, die Geburtshilfe leisten. Das Interesse an einer Ausbildung hat merklich nachgelassen, und examinierte Hebammen steigen ganz oder teilweise aus dem Beruf aus.

Hohe Arbeitsbelastung, schlechte Arbeitsbedingungen in Kliniken und geringe Bezahlung sind einige der Gründe dafür. Hinzu kommt eine erhebliche Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft der Ausbildung: Als einziges Land in der EU hat Deutschland noch nicht auf eine akademische Ausbildung umgestellt, wie es eine EU-Richtlinie aus dem Jahre 2013 fordert. Jetzt drängt die Zeit, denn die Umsetzung muss bis zum 18. Januar 2020 erfolgen. Doch es gibt noch nicht einmal Eckpunkte für ein entsprechendes Gesetz.

Die Verantwortlichen vor Ort stellt das vor erhebliche Probleme. Forderungen aus der Politik, die Ausbildungskapazitäten in den bestehenden Hebammenschulen – für die Region Aachen, Düren, Heinsberg gibt es nur die der Christlichen Bildungsakademie für Gesundheitsberufe (CBG) am Luisenhospital in Aachen – greifen zu kurz. „Wir haben ja schon aufgestockt, von 35 auf 54 Plätze“, sagt CGB-Geschäftsführer Jochen Vennekate. „Aber wir stoßen damit jetzt schon räumlich an unsere Grenzen.“

Die CBG wäre sogar bereit, in Kooperation mit Krankenhäusern in der Region mehr Hebammen auszubilden, hat auch schon einen Förderantrag für einen Ausbau der Schule beim Land gestellt. Bisher erfolglos. Mehr Ausbildungsplätze würden kurzfristig die Belastung der Hebammen weiter erhöhen, gibt Vennekate zu bedenken. „Mehr Ausbildung – besonders in der Praxis – erfordert mehr Ausbilderinnen und zeitliche Ressourcen.“

Der größte Unsicherheitsfaktor aber ist die anstehende Umsetzung der EU-Richtlinie. Denn noch ist unklar, wie die Akademisierung der Hebammenausbildung erfolgen soll. Ausschließlich an zwei Lernorten – Hochschule für die Theorie und Klinik/Geburtshaus für die praktische Ausbildung? In Kooperation mit den bestehenden Berufsfachschulen, also an drei Lernorten unter Federführung der Hochschule? Oder bleibt es bei den Berufsfachschulen, und Absolventinnen satteln ein Studium drauf, wie es heute schon praktiziert wird?

Ungeklärt ist auch die Finanzierung der Studienplätze. Ungeklärt auch, ob es genügend promovierte Hebammenwissenschaftler für die akademische Lehre gibt. „Ungeklärt ist auch, ob die Studierenden wie die heutigen Hebammenschülerinnen eine Ausbildungsvergütung zumindest in der Praxis erhalten“, sagt Susanne Peters, Leiterin der Hebammenschule an der CBG. Ein Curriculum gibt es auch noch nicht. Fest steht nur, dass Voraussetzung für die Ausbildung künftig eine zwölfjährige Schulbildung ist, also Fachabitur oder Abitur. Bisher sind es zehn Jahre.

Begleitgremium eingerichtet

Viele Fragen, und auf keine gibt es bislang eine Antwort. Auf Bundesebene heißt es, man prüfe bisher die konkrete Ausgestaltung der Ausbildungsnovellierung. Zudem habe man ein Bund-Länder-Begleitgremium eingerichtet und tausche sich dort aus. Ein Gesetzentwurf solle „zeitlich so vorgelegt werden, dass die Umsetzung … am 18. Januar 2020 eingehalten werden kann“, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen im Juni.

Das hält Vennekate für nahezu ausgeschlossen. „Wir setzen gerade die generalistische Pflegeausbildung für Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege um. Das hat bis jetzt fünf Jahre gedauert. Und hier haben wir noch nicht einmal Eckpunkte für ein Gesetz.“ Auf Landesebene wartet man zurzeit ab, ob der Bund den Ländern eine angemessene Übergangsfrist zugesteht. Zudem will man die Ergebnisse einer Befragung aller in NRW tätigen Hebammen abwarten, die die Hochschule für Gesundheit Bochum derzeit durchführt, ehe weitere Handlungsempfehlungen erarbeitet werden. Die Ergebnisse sollen im dritten Quartal 2019 vorliegen.



„Wir wollen die StädteRegion Aachen als Standort für die Hebammenausbildung sichern.“
Dr. Werner Pfeil MdL
 

„Bundesgesundheitsminister Jens Spahn muss den ersten Aufschlag machen“, ist die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Susanne Schneider, überzeugt. Solange der Bund kein Gesetz vorlege, könnten die Länder nur abwarten. „Oder Druck von unten machen, auch parteiübergreifend“, fordert ihr Landtagskollege Werner Pfeil (Würselen), der Schneider und Angela Freimuth, Vize-Präsidentin des Landtags und Sprecherin für Wissenschaft und Forschung der FDP-Landtagsfraktion, nach Aachen zur Hebammenschule gelotst hat, um sie für die Dringlichkeit des Themas zu sensibilisieren. Denn bislang passiert zu wenig.

Dabei haben Schwangere auch in unserer Region zunehmend Mühe, eine Hebamme zu finden, die sie während und nach der Schwangerschaft und bei der Geburt begleitet. Bundesweit schließen Kliniken ihre Kreißsäle, weil sie nicht mehr genügend Hebammen finden, um sieben Tage in der Woche jeweils 24 Stunden Dienste abdecken zu können. So kann etwa im Rhein-Maas-Klinikum (RMK) in Würselen seit dem Frühjahr nicht mehr entbunden werden, die dort angestellten Hebammen sind ausgeliehen ans Stolberger Bethlehem Krankenhaus.

Frage der Wirtschaftlichkeit

Eine einfache Lösung gibt es nicht. Denn abgesehen von der Hebammenproblematik spielen auch finanzielle Gründe für Krankenhäuser eine Rolle bei der Frage, ob sie in der Geburtshilfe bleiben. Wirtschaftlich sei die erst bei etwa 1000 Geburten im Jahr, sagen Fachleute. Bei etwa 600 liegt die kritische Grenze. Die wird nicht von allen Krankenhäusern in der Region erreicht.

Das RMK etwa kam bislang auf etwa 430 Geburten im Jahr, die Eifelklinik Simmerath auf etwa 300. Beide Häuser sollen die Geburtshilfe jedoch möglichst behalten, so will es die Politik in der Städteregion Aachen. Die meisten Geburten gab es im vergangenen Jahr mit etwa 1670 laut Vennekate im Bethlehem Krankenhaus Stolberg, im St. Marienhospital Düren wurden 1440 Kinder geboren, im Uniklinikum Aachen 1400, im Luisenhospital Aachen 1260, im Hermann-Josef Krankenhaus Erkelenz waren es 1010, im Städtischen Krankenhaus Heinsberg 750, im Städtischen Krankenhaus Düren 740 und im Marienhospital Aachen 630.

Mit dem Thema wird sich am Mittwoch auch der Gesundheitsausschuss des Zweckverbands Region Aachen beschäftigen. Unter anderem soll ein „Runder Tisch Geburtshilfe“ eingerichtet werden. Gefordert wird auch, dass die Region Aachen Standort für eine akademische Hebammenausbildung wird.

von Jutta Geese
Aachener Zeitung, 24.08.2018

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